Stehenbleiben

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Im letzten Herbst war ich für einige Tage in Chicago. Ich hatte Zeit und genoss auf einem Spaziergang die Stadt. Unter einer Fußgängerbrücke spielte ein anscheinend

OLYMPUS DIGITAL CAMERAwohnsitzloser Mann Saxophon. Der Mann faszinierte mich, denn er spielte ganz
exzellent, gefühlvoll und selbstversunken einige meiner Lieblingsjazzstücke. Ich blieb fast eine halbe Stunde dort unter der Brücke stehen und genoss ein einmaliges Konzert – nur für mich allein.

Eine andere und doch ganz ähnliche Szene in der vergangenen Woche in Berlin: In der Eingangshalle der U-Bahn spielen zwei Musiker ein klassisches Musikstück. Ich kenne es nicht, aber habe den Eindruck, dass sie sehr gut spielen. Obwohl ich eigentlich nicht in Eile bin, zücke ich ein 2-Euro-Stück, werfe es mit einem entschuldigenden Nicken in den Korb, der vor ihnen steht, und hetze weiter. Vielleicht weil, ich den Eindruck habe, in dieser Situation, in der alle irgendwohin unterwegs sind und durch die Eingangshalle eilen, nicht einfach müßig herumstehen zu dürfen.

Beide Erlebnisse erinnern mich an ein sozialpsychologisches Experiment, über das ich irgendwann einmal gelesen habe. Auf Veranlassung der Washington Post wurde es während der morgendlichen Rushhour im Januar 2008 in einer Metro Station in Washington D.C. durchgeführt:
Ein Straßenmusiker spielt auf seiner Violine sechs Stücke von Bach. Während er spielt, gehen insgesamt 1070 Menschen an ihm vorbei. Erst nach drei Minuten passiert überhaupt etwas Auffallendes. Schon 63 Menschen waren an ihm vorübergeeilt, ehe jemand ein paar Münzen in den Kasten zu Füßen des Musikers wirft. Insgesamt wird er nach 43 Minuten „Konzert“ immerhin 32,17 Dollar erhalten haben.
Von 1070 Menschen bleiben insgesamt nur sieben zumindest kurz stehen und lauschen der Musik. Am ehesten wollen Kinder stehen bleiben und zuhören, sie werden aber ausnahmslos von ihren Eltern weitergezerrt.
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Was die Menschen in Washington nicht wussten: Der als Straßenmusiker gekleidete Mann war in Wirklichkeit Joshua Bell, der wohl bekannteste amerikanische Violinist. Die Geige, auf der er spielte, war eine Millionen Dollar teure, fast 300 Jahre alte Stradivari. Nur wenige Tage zuvor hatte Bell die gleichen sechs Violinstücke von Bach in einem Konzert in Boston gespielt. Jeder der Besucher in der ausverkauften Konzerthalle hatte über 100 Dollar für die Eintrittskarte gezahlt.

Ich weiß aus der Wahrnehmungspsychologie, dass uns Moment für Moment unendlich viele Dinge umgeben, die nicht in unser Bewusstsein vordringen. Diese automatischen Wahrnehmungsfilter helfen uns, dass wir nicht beständig von Bildern, Geräuschen und Informationen überschwemmt werden. Das erklärt zumindest teilweise, was in der Metro Station in Washington geschah.

Ich weiß aber auch, wie viel unnütze und banale Informationen und Wahrnehmungen ich ständig an mich herankommen lasse und aufsauge. Dadurch nehme ich dann aber oft das Schöne, das mich gleichzeitig immer wieder umgibt, nicht wahr. Was mein Leben reich macht und mich beschenkt, ist schon lange da. Vermutlich muss ich einfach nur stehen bleiben und es wahrnehmen.

“We have what we seek, we don’t have to rush after it. It was there all the time, and if we give it time, it will make itself known to us”.   –  Thomas Merton

2 Kommentare

  1. Vielen Dank Andreas für diesen schönen Beitrag. Ich bin froh, dass ich nicht an Deinem Tweet „vorbeigehetzt bin“, sondern stehengeblieben bin. 🙂

    Als uns John Stepper vor ein paar Wochen besuchte, bat er mich in der Mittagspause um einen Spaziergang. Wir gingen in einen nahegelegenen Park und ich stellte überrascht fest, dass John immer wieder stehenblieb, um sich eine Statue, 2 Enten oder einen schief gewachsenen Baum anzusehen.
    Mein Schluss: Johns Sinne sind sehr geschärft. Er nimmt seine Umwelt somit bewusster wahr und sammelt so auch weiteres Material für die 2 Blogs, mit denen er uns jede Woche verwöhnt. Er selbst sagte, dass so etwas „erlernbar“ ist. Ich arbeite also an mir…

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