Resonanz: Das Lied in den Dingen

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Im März dieses Jahres erschien das große neue Werk des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa Resonanz. Eine Soziologie de Weltbeziehung. Ein kluges, gelehrtes, mehr als 800 Seiten starkes Buch, das im Kern um eine zentrale Idee kreist: Der erlebten Entfremdung des spätmodernen Menschen kann nur mit resonanten Weltbeziehungen begegnet werden.

RosaRosas neues Werk greift seine früheren Studien zur Beschleunigung auf. Moderne Gesellschaften sind demnach dadurch gekennzeichnet, dass sie fortwährend auf Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung angewiesen sind, um ihre Struktur bzw. ihren Status Quo zu erhalten. Sie können sich also nur dynamisch stabilisieren, indem sie diesen Steigerungszwang ständig fortschreiben und verstärken. Fortschritt erfolgt nur durch beständige Steigerung. Gibt es einen Ausweg aus dieser Beschleunigungsfalle?

„Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“ (13)

Diese zunächst überraschende These macht den inhaltlichen Ankerpunkt des Buches aus. Die beständige Beschleunigung, das immer Mehr in immer kürzeren Zeiteinheiten, bewirkt ein Lebensgefühl der Entfremdung. Die Antwort auf diese Entfremdung kann für den spätmodernen Menschen aber keine quantitative sein, also nicht Entschleunigung, nicht die quantitative Mengenreduzierung pro Zeiteinheit. Sie muss vielmehr in einer qualitativen Veränderung bestehen.

„Meine These ist, dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehung ankommt, das heißt auf die Art und Weise, in der wir als Subjekte Welt erfahren und in der wir zur Welt Stellung nehmen; auf die Qualität der Weltaneignung.“ (19)

Was Rosa dann sehr ausführlich unternimmt, ist im Grunde nichts anderes als ein immer neues Durchexerzieren dieser These in den unterschiedlichsten Lebensbereichen und Wissenschaften, wobei er behände von soziologischen Beobachtungen zu biologischen, kognitiven, psychologischen, theologischen und philosophischen Reflexionen wechselt. Um schließlich festzustellen: Menschlichem Leben ist eine grundlegende Bezogenheit zur Welt eingeprägt. Wo diese Beziehung nicht mehr spürbar erlebt wird, stellt sich das Gefühl der Selbst- und Weltfremdheit ein. Resonanz ist nun nichts anderes als die Erfahrung, von der Welt berührt zu werden, sie mir aneignen zu können und in ihr eine Wirksamkeit zu entfalten.

Um diesen Kern seines Ansatzes zu verdeutlichen, bemüht Rosa von Eichendorffs romantisches Gedicht Die Wünschelrute:

„Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort
Und die Welt hebt an zu singen
Triffst Du nur das Zauberwort.“

Zum Selbsterleben des spätmodernen Menschen gehört nun aber genau dies: Die Welt klingt und singt nicht mehr. Sie ist verstummt und nicht mehr resonant. Alle Versuche aber, das Lied zu neu erwecken, folgen dem typischen modernen Modus der Steigerung. Über einen Zuwachs an Ressourcen (Geld, Wissen, Beziehungen) versucht er seine Weltreichweite zu vergrößern, um schließlich zu spüren, dass ihm genau auf diesem Weg das Zauberwort immer mehr entgleitet.

Resonanz bleibt das Versprechen der Moderne, Entfremdung aber ist ihre Realität.“ (624)

SoundWie kann die Welt wieder zum Klingen kommen? Das geht für Rosa zunächst über eine ausführliche Kritik der Resonanzverhältnisse und sodann über den Versuch, Resonanzsphären und Resonanzachsen zu beschreiben. Diese können die Beziehungen zu Familie und zu Freunden betreffen (horizontale Resonanzachsen), den Umgang mit den Dingen und die Arbeit (diagonale Resonanzachsen) oder aber den Bereich der Religion, Natur und Kultur (vertikale Resonanzachsen).

Zurzeit gelingt es aber kaum, auf diesen Wegen das Resonanzbedürfnis überzeugend zu befriedigen. Resonanzerlebnisse bleiben singulär, begrenzt, artifiziell und konstruiert, obwohl ihnen ihrer Natur nach etwas Unverfügbares eigen ist.

„Es hat sich gezeigt, dass die Steigerungsimperative einer Wachstumsgesellschaft, die sich nur dynamisch zu stabilisieren vermag, in zunehmendem Maße in Widerspruch zum Resonanzverlangen und –versprechen der Moderne geraten. Sie erzwingen eine Dominanz verdinglichender, stummer Weltbeziehungen sowohl in der institutionellen Verfassung moderner Gesellschaften als auch im dispositionalen Beziehungsmodus der Akteure. Deren unhintergehbares Resonanzverlangen findet sich einerseits in die außeralltäglichen Resonanzoasen der arbeitsfreien Zeit verschoben und wird andererseits selbst verdinglicht.“ (722)

Rosa kommt am Ende seiner großen Studie zum Schluss, dass ein kultureller Paradigmenwechsel nicht nur notwendig ist, sondern sich auch schon abzeichnet.

Eine bessere Welt ist möglich, uns sie lässt sich daran erkennen, dass ihr zentraler Maßstab nicht mehr das Beherrschen und Verfügen ist, sondern das Hören und das Antworten.“ (762)

Wer sich die Mühe macht, sich durch diese 800 Seiten durchzuarbeiten, wird belohnt mit einer Vielzahl nicht nur gelehrter, sondern auch wirklich erhellender Einsichten.

Zum Schluss noch für alle Leser, denen die obige Beschreibung von Resonanz zu unspezifisch geblieben ist, hier die detaillierte Definition von Resonanz, die Rosa selbst anbietet:

„Resonanz ist eine durch Af←fizierung und E→motion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserfahrung gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.
Resonanz ist keine Echo-, sondern eine Antwortbeziehung; sie setzt voraus, dass beiden Seiten mit eigener Stimme sprechen, und dies ist nur dort möglich, wo starke Wertungen berührt werden. Resonanz impliziert ein Moment konstitutiver Unverfügbarkeit.

Resonanzbeziehungen setzen voraus, dass Subjekt und Welt hinreichen ‚geschlossen’ bzw. konsistent sind, um mit je eigener Stimme zu sprechen, und offen genug, um sich affizieren und erreichen zu lassen.

Resonanz ist kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus. Dieser ist gegenüber dem emotionalen Zustand neutral. Daher können wir traurige Geschichten lieben.“ (298)

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