Gold an den Rissen

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In der vergangenen Woche hatte ich einen Workshop mit dem Vorstand eines DAX-Unternehmens zu gestalten. Eines der Themen, die wir dabei zu adressieren hatten, hieß: Wie kann es dem Vorstand gelingen, eine ehrliche, authentische Kommunikation mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Unternehmens zu stärken? Kein leichtes Unterfangen für CEOs und Top-Führungskräfte, die es gewohnt sind, mit schielendem Seitenblick auf die sensiblen Börsenkurse auf keinen Fall Schwächen zu zeigen und jedes Statement auf seine strategische Wirkung hin zu überprüfen und entsprechend glattzubügeln.

Und dennoch wurde klar: Ehrlichkeit und Authentizität werden von den Mitarbeitern geschätzt und mit Vertrauen belohnt… wenn sie wirklich ehrlich gemeint und authentisch sind und wenn jemand deutlich machen kann, was er aus den Fehlern, Grenzen und Schwächen gelernt hat.

Mich hat das erinnert an gute Freunde in Italien. Immer, wenn ich bei Ihnen zu Gast bin, erwartet mich ein wunderbares Essen, bei dem jedes Mal der alte getöpferte Salztopf auf dem Tisch steht. Und immer wieder kommen wir dann auf den Deckel des Salztopfes zu sprechen. Er ist schon mehrere Mal heruntergefallen, ist zerbrochen und wieder geklebt worden. Die Risse und Bruchstellen sind deutlich sichtbar. Aber nie kam jemand auf die Idee, in wegzuwerfen und zu ersetzen, weil jeder Riss an eine bestimmte Begebenheit erinnert: Der Besuch von Paola und Marco, bei dem sie erzählten, dass sie heiraten werden; das Abendessen mit Massimo, bei dem er sich so herrlich über Berlusconi aufregen konnte…

Ein Ding ohne Brüche und Risse ist schön, es ist sogar perfekt, aber es hat keine Geschichte, es erzählt nichts.

„There is a crack in everything,
that‘s how the light gets in.“
 (Leonhard Cohen)

Kintsugi ist eine traditionelle japanische Reparaturmethode, bei der die Scherben eines Gefäßes mit einem speziellen Lack, dem Gold beigemischt wurde, wieder verbunden werden. Diese Methode ehrt die Brüche. Sie verbirgt sie nicht, sondern vergoldet sie. Was herauskommt, sind oftmals wunderbare Kunstwerke, schöner und einzigartiger als das ursprüngliche Gefäß.

Schale

Die denkbaren Analogien sind vielfältig:

Sie können den Umgang mit den eigenen persönlichen Grenzen und Schwächen betreffen. Was das Leben eines Menschen bedeutsam macht, sind weniger seine Erfolge und Leistungen als die Art, wie er mit den Rissen seines Lebens umgegangen ist  und der Mut, mit dem er die Brüche angeschaut und integriert hat.

„Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.“ (Christoph Schlingensief)

Analogien gibt es auch zur Ästhetik. Bjung-Chul Han kritisiert in seinem Buch Die Errettung des Schönen (2015) das zeitgenössische Schönheitsideal des Glatten. Schön sei demnach der glatte, perfekte Körper, die makellose Oberfläche. Eine solche Schönheit bleibt dann aber auch nur oberflächlich. Ohne Distanz, Verhüllung und Verletzung fehlt ihr jede Tiefe. Ganz anders ist da die Einzigartigkeit eines Tongefäßes mit vergoldeten Rissen, das eine Geschichte zu erzählen vermag.

Und schließlich die Analogie zur anfänglich erwähnten glattgebürsteten Kommunikation vieler Unternehmen und ihrer Führungskräfte. Unter dem (falschen) Anspruch positiver und gewinnender Information wird das Gesagte nur unendlich nichts-sagend und austauschbar. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wünschen sich aber keine Helden, sondern weise, lebenserfahrene Führungskräfte, die ehrlich über ihr Gelingen, ihre Erfolge und ebenso über ihr Scheitern und ihren Neuanfang sprechen können.

„Und Anfang glänzt an allen Bruchstellen unseres Misslingens.“ (Rainer Maria Rilke)

2 Kommentare

  1. Lieber Andreas,

    danke für diesen schönen Beitrag: spricht auch von der Barmherzigkeit.

    Bis bald

    Deine Hildegard

  2. Wunden ansprechen und sichtbar machen…

    Danke für diese guten Gedanken, Andereas
    Bei uns in der Wohnung ist unser Schwiegervater Weihnachten auf der Treppe ausgerutscht und hat sich schnell am Geländer festgehalten. Dabei ist die Halterung fast aus der Wand gerissen und hat ein sichtbares Loch (Wunde) gerissen. Dann habe ich überlegt, ob ich das wieder zuspachteln soll. Schlißlich entschied ich mich, das Loch zu lassen und ein grünes Schild mit der Aufschrift „Die offene Wunde in jedem von uns“ anzubringen. Das fanden nicht alle in der Familie pasend. Ich jedoch finde, es erinnert uns beim Treppensteigen immer auch an unsere eignen offenen Wunden und kann ins in gutem Sinne demütig machen.

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