Anker werfen

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Achtsamkeit, Stille und Kontemplation sind überall. Ich entkomme ihnen nicht. Keine Bahnhofsbuchhandlung, in der mir nicht eine unübersehbare Auswahl an Ratgebern in nur 30 Minuten oder fünf absolut sicheren Schritten den Weg zu innerer Sammlung, Energie und zum eigenen Selbst weisen will. Immer wieder nehme ich sie zur Hand… und immer wieder bin ich enttäuscht: So oberflächlich scheinen mir die Analysen, so wenig herausfordernd, so simpel die Antworten. 9783837611571_720x720Davon hebt sich äußerst angenehm der jüngst vorgelegte Essay „Duft der Zeit“ des koreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han ab. Hans Buch ist kein Ratgeber, sondern ein philosophisches Gespräch mit großen Dialogpartnern wie Proust, Lyotard, Heidegger, Arendt oder Weber. Han fragt sich, wie der postmoderne Mensch eigentlich seine Zeit erlebt und warum er sich oft in aktivistischer Hetze oder scheinbar endloser Langeweile verliert. Wer je einmal selbst versucht hat, für zehn Minuten nur da zu sein, offen und empfänglich, ohne etwas zu tun, zu denken oder zu planen, der weiß, wie unruhig, flirrend und getrieben unser Geist fast immer ist.

„Die heutige Zeitkrise hängt nicht zuletzt mit der Absolutsetzung der vita activa zusammen. Sie führt zu einem Imperativ zur Arbeit, der den Menschen zum animal laborans degradiert. Die Hyperkinese des Alltags nimmt dem menschlichen Leben jedes kontemplative Element, jede Fähigkeit zum Verweilen. Sie führt zum Verlust von Welt und Zeit. Die sogenannten Strategien der Entschleunigung beseitigen diese Zeitkrise nicht. Sie verdecken sogar das eigentliche Problem. Notwendig ist eine Revitalisierung der vita contemplativa. Die Zeitkrise wird erst in dem Moment überwunden sein, in dem die vita activa in ihrer Krise die vita contemplativa wieder in sich aufnimmt.“ (8)

Die beschleunigte Zeit hat keinen Halt, sie macht sich nirgendwo fest.

„Aufgrund des fehlenden Haltes faßt das Leben heute nicht leicht Tritt. Die temporale Zerstreuung bringt es aus dem Gleichgewicht. Es schwirrt. Es existieren keine stabilen sozialen Rhythmen und Takte mehr, die den individuellen Zeithaushalt entlasten würden. Nicht jeder vermag seine Zeit selbstständig zu definieren. Die zunehmende Pluralität der Zeitläufe überfordert und überreizt den Einzelnen. Die fehlenden temporalen Vorgaben führen nicht zu einem Zuwachs an Freiheit, sondern zu einer Orientierungslosigkeit.“ (18)

Beschleunigung, Erhöhung des Lebenstempos, Verpassungsangst, Steigerung der HanErlebnisrate sind die Schlagworte, die das Selbsterleben vieler Menschen am ehesten beschreiben. Sie folgen dem kulturellen Versprechen der Beschleunigung und wollen schneller leben.

Aber „(…) es ist nicht die Anzahl der Ereignisse, sondern die Erfahrung der Dauer, die das Leben erfüllter macht. Wo Ereignisse schnell aufeinanderfolgen, entsteht nichts Dauerndes. Erfüllung und Sinn lassen sich nicht mengentheoretisch begründen. Ein schnell gelebtes Leben ohne das Lange und Langsame, ein von kurzen, kurzfristigen und kurzlebigen Erlebnissen bestimmtes Leben ist, wie hoch die ‚Erlebnisrate‘ auch immer sein mag, selbst ein kurzes Leben.“ (40)

Han liefert keine defätistische Zeitkritik, kein Untergangsszenario des Abendlandes. Eher scheint er seine Zeitgenossen, die durch ihr eigenes Leben hetzen, in ihrer Arbeit untergehen oder ihre Zeit totschlagen, indem sie sich vor flimmernden Bildschirmen durch sie hindurchzappen, an die Hand nehmen zu wollen, um mit ihnen eine andere Gangart zu finden.

„Die Gegenwart verkürzt sich, verliert jede Dauer. Ihr Zeitfenster wird immer kleiner. Gleichzeitig drängt sich alles in die Gegenwart. Das hat ein Gedränge von Bilder, Ereignissen und Informationen zur Folge, das jedes kontemplative Verweilen unmöglich macht. So zappt man sich durch die Welt.“ (45)

Die Aktivität, die Arbeit, mithin das ganze Leben des postmodernen Menschen hat seinen Halt verloren. Es schwirrt, vibriert, rennt sich aktivistisch zu Tode. Es gilt eine temporale Gravitation wiederzufinden, die der Gegenwart eine Bedeutungsdichte verleiht und sie so sowohl dem Aktivismus als auch der Langeweile entreißt. Diese Schwerkraft entsteht durch Kontemplation, Konzentration, Verweilen. In der katholischen spirituellen Tradition gibt es den Begriff des contemplativus in actione. Gemeint ist der Mensch, der inmitten des Tätigseins und Engagements gesammelt, fokussiert und innerlich verankert ist. Genau darum geht es Han: dass die aktive Dimension des Lebens die kontemplative neu in sich auf nimmt. Herzlichen Glückwunsch zu einem wichtigen und dringlichen Buch!

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