Führung und Tugenden – 5: Maßhalten

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Bei mir stapeln sich nicht gelesene Bücher. Ich entdecke sie in einer Buchhandlung und muss sie einfach mitnehmen. Bei Büchern folge ich oft dem unmittelbaren Kaufimpuls… weil ich mich ja wirklich für dieses Thema interessiere, weil ich es brauche, weil ich es sicher lesen werde, weil… Und so landet wieder einmal unnütz ausgegebenes Geld auf dem Stapel der noch zu lesenden Bücher. Und so ärgere ich mich wieder einmal im Nachhinein, dass ich dem spontanen Impuls gefolgt bin.

Jeder kennt das: Wir kaufen Dinge oder machen Sachen, die schon mit dem Abstand weniger Stunden oder manchmal sogar Minuten überhaupt nicht mehr so sinnvoll scheinen wie in dem Augenblick, als wir dem Impuls folgten.

Erleben und Beobachten

In der Psychologie unterscheidet man zwischen einem Erlebnis-Ich (Experiencing Ego) und einem Beobachtungs-Ich (Observing Ego). Es gibt einen Ich-Anteil, der mitten drin steckt im aktuellen Erleben, der Fußball spielt, Musik hört, einen geliebten Menschen küsst oder, wie ich jetzt, einen Blog schreibt. Und es gibt einen anderen, beobachtenden Ich-Anteil, der über die Fähigkeit verfügt, sich sozusagen neben des Erlebnis-Ich zu stellen und sich zu beobachten, während man Fußball spielt, Musik hört, küsst oder schreibt. Diese Fähigkeit, sich selbst zu beobachten während man etwas erlebt, ist eine wichtige psychische Funktion. Sie ermöglicht Selbstreflexion und kritischen Abstand zu sich selbst. Manchmal hat man in der Psychotherapie mit Menschen zu tun, die ihr Handeln und ihre Entscheidungen nur nach dem ausrichten, was ihnen ihr Erlebnis-Ich gerade sagt. Für sie ist es ein großer Fortschritt, wenn sie lernen, sozusagen neben sich zu treten und das eigene Tun selbstkritisch zu hinterfragen. (Bei mir selbst klappt das, Gott sei Dank, meist ganz gut, nur halt beim Bücherkauf…)

Die Unterscheidung zweier Denk- und Urteilsysteme des Nobelpreisträgers Daniel Kahnemans in seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken weist übrigens in eine ganz ähnliche Richtung.

Maßhalten

Mir hat diese Unterscheidung klar gemacht, was es mit der Tugend des Maßhaltens auf sich haben könnte. Sie ist die letzte der vier sogenannten Kardinaltugenden und für mich zugleich die am schwersten zugängliche, zumindest wenn es darum gehen soll, Tugenden und Führungshandeln in Verbindung zu bringen.

Oft wird das lateinische Wort temperantia mit Besonnenheit, Maß oder auch Selbstbeherrschung übersetzt. Das klingt allerdings zu sehr nach Selbstkontrolle und abgewürgter Emotionalität.

Abstand von sich selbst

Positiv könnte aber gemeint sein: Maß und Besonnenheit haben mit Abstand zu sich selbst zu tun, mit der Fähigkeit zur reflexiven Selbstdistanzierung. Die Tugend des Maßes ist die Tugend der ergänzenden Perspektive und somit der Balance. Neben das unmittelbare Tun muss die Reflexion eben dieses Tuns treten, neben das Führungshandeln die kritische Selbstbeobachtung, neben das unmittelbar Notwendige und Plausible die Vergewisserung über Sinn und Bedeutung eben dieses Notwendigen im größeren Zusammenhang. Noch einmal anders gewendet: Neben das Managen, das oft gerade im Machen und pausenlosen und beschleunigten Agieren zu bestehen scheint, muss das echte Führen treten, also die Entschleunigung und die Orientierung der Mitarbeiter darüber, warum und wozu etwas geschehen soll.

Die Tugend der ergänzenden Perspektive

Verstanden als die Tugend des Abstandes, der ergänzenden Perspektive oder der parallelen Denk- und Entscheidungsprozesse bekommen Maß und Besonnenheit eine äußerste spannende Funktion für Führungskräfte. Sie kann helfen, einer der wichtigsten Führungsaufgaben nachzukommen, nämlich Mitarbeitern Zusammenhänge, Bedeutungen und Sinn ihrer Arbeit zu erschließen.

Das gelingt am besten, wenn Führungskräfte für sich selbst die Wichtigkeit des Abstandes erkennen und lernen, die ergänzende Perspektive zu kultivieren, und wenn Unternehmen und Organisationen ihnen dazu die Möglichkeiten bieten, etwa durch Peer-Supervision oder Coaching. Oft muss man die Fähigkeit zur reflexiven Selbstdistanzierung erst in solchen Kontexten einüben, um sie dann auch allein leichter aktivieren zu können.

„Die meiste Zeit geht dadurch verloren, dass man nicht zu Ende denkt.“
(Alfred Herrhausen)

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