Hören

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Ich verdanke den Jesuiten viel. Mehr als zehn Jahre habe ich in Rom bei ihnen studiert und mit ihnen gearbeitet.
Eine Szene hat sich mir besonders eingeprägt: Als ich an der Gregoriana, der Jesuitenuniversität in Rom, Psychologie unterrichtete, war ich gelegentlich beim Mittagessen der Jesuiten zu Gast. Da saß ich nun inmitten dieser über hundert Ordensmänner, allesamt Professoren, viele von ihnen international bekannte Fachleute in Theologie, Philosophie oder anderen Disziplinen. Während des Mittagessens herrschte ein lautes Stimmengewirr im Speisesaal, rege Diskussionen, Gelächter… Sobald aber das Essen beendet war, gingen alle diese Männer hinüber in die nahegelegene Kapelle. Und dort: Nichts, nur eine gesammelte Stille – ungefähr fünf Minuten lang. Danach machten sich jeder wieder auf den Weg, zurück an die eigene Arbeit.

Mich hat diese Szene jedesmal neu beeindruckt und ich glaube, dass die Energie, die klare innere Ausrichtung und die Schaffenskraft, die ich bei vielen Jesuiten erlebt habe, auch dort ihre Wurzeln hat.

Ignatius von Loyola, der Gründer der Jesuiten, nennt diese Übung auch Examen. Er empfiehlt, zweimal am Tag eine solche Pause – eine Art mentalen Pit-Stop – einzulegen.

Diese bewusste Unterbrechung dient dazu, auf den inneren Kompass zu achten und die Ausrichtung des eigenen Tuns zu überprüfen: Was beschäftigt mich gerade? Was klappt gut? Wofür bin ich dankbar? Was gibt mir Energie? Wo bin ich nicht auf der Spur und mir selbst nicht treu? Wo gelingt es mir nicht, das zu tun, was ich mir für diesen Tag vorgenommen hatte? Wie kann ich mich neu ausrichten?

Für einen solchen inneren Boxenstopp braucht es einen Moment der Konzentration und Ruhe.

Vielen spirituellen Traditionen ist das sehr vertraut. Oft heißt die allererste Ansage: Höre!

  • Das wichtigste Gebet gläubiger Juden etwa, das sie täglich beten, ist das Sch’ma Jisrael (übersetzt: Höre Israel!).
  • Paulus betont im Römerbrief (10, 17): „Der Glaube kommt vom Hören.“
  • Und die Benediktsregel aus dem 6. Jh., einer der klügsten und bis heute gebräuchlichen Texte, um das Leben von Ordensgemeinschaften zu ordnen, beginnt mit dem Hinweis: „Höre und neige deines Herzens Ohr.“
  • Aus dem Buddhismus kennt man die Übung der Achtsamkeit, des Lebens im gegenwärtigen Augenblick und des aufmerksamen Hinhörens.

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Die Notwenigkeit, still zu werden und achtsam hinzuhören hat aber zunächst einmal nichts mit religiöser Praxis zu tun. Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ob also religiös oder nicht: Es lohnt sich, ganz persönlich mit solchen mentalen Unterbrechungen oder Pit-stops zu experimentieren. Gerade Menschen mit sehr anstrengenden Tätigkeiten, die sie pausenlos in unterschiedliche Richtungen ablenken, können dadurch immer wieder zu sich selbst zurück finden. Wenn es heute Entfremdung bei Arbeit gibt, dann ist nicht so sehr (wie von Marx postuliert) die Entfremdung vom Produkt der eigenen Arbeit, sondern die Enfremdung vom eigenen wahren Selbst.
Wer es schafft, ein- oder zweimal am Tag seinen Tätigkeiten für fünf Minuten zu unterbrechen, bewusst auf den eigenen Atem zu achten und ruhig zu werden, der stellt wichtige Verknüpfungen her: zwischen Innen und Außen, zwischen Tun und Denken, zwischen Denken und Fühlen, zwischen dem fremdbestimmten funktionierenden Selbst und dem eigenen wahren Selbst, zwischen den vielen Aufgaben und den eigenen Zielen.
Bemerkenswert ist, dass diese Perspektive nicht nur auf der persönlichen Ebene wichtig ist, sondern auch auf der interpersonalen und organisationalen. In vielen Kreativitätstechniken (z.B. Design Thinking) oder besonders innovativen Ansätze der Organisationsentwicklung (etwa der Theorie U oder dem Dialogansatz von David Bohm und William Isaac) spielen Stille und Hinhören eine zentrale Rolle.

Wie oben, so unten,
wie innen, so außen,
wie das Universum,
so die Seele.
(Hermes Trismegistos)

 

 

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