Führung und Tugenden – 4: Tapferkeit

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Von allen Tugenden ist die Tugend der Tapferkeit und des Mutes diejenige, die ich spontan am ehesten mit Führung in Verbindung bringe. Menschen, die andere führen, sollten mutig und tapfer sein. Und doch habe ich mich schwer getan, diesen Zusammenhang für mich selbst klar und einfach auf den Punkt zu bringen. Zwei Texte, die mir in den vergangenen Tagen begegnet sind, haben mir dabei geholfen.

Angst

Der erste stammt von John Stepper, dessen Blog zu den wenigen gehört, die ich wirklich regelmäßig lese. Sein jüngster, sehr persönlicher Blogeintrag stellt die Frage: Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

Eine spannende, suggestive Frage, zu der der Psychologe in mir sofort anmerkt, dass Angst eine lebenswichtige physische und psychische Funktion und deswegen keineswegs so übel ist. Wer vor einem bissigen Hund keine reflexhafte Angst hat, kann schnell ein ziemlich großes Problem bekommen.

John Steppers Frage meint aber andere Ängste: Zum Beispiel die Angst, etwas anzupacken, das man eigentlich machen möchte. Oder alte und irrationale, oft noch aus Kindertagen stammende, aber immer noch äußerst wirksame Ängste. Oder die lähmende Angst vor dem Urteil anderer, die einen davon abhält, wirklich sein eigenes Ding zu machen.

Die dritte der vier Kardinaltugenden heißt im Lateinischen fortitudo, was sich am ehesten mit Tapferkeit, Mut und innerer Stärke übersetzen lässt. Es scheint paradox, aber tapfer kann nur sein, wer Furcht und Angst kennt. Tapferkeit und Mut haben nichts mit Waghalsigkeit und Draufgängertum zu tun.

Verwundbarkeit

„Tapferkeit setzt Verwundbarkeit voraus; ohne Verwundbarkeit gibt es nicht einmal die Möglichkeit der Tapferkeit. Weil er wesenhaft verwundbar ist, darum kann der Mensch tapfer sein.“ (Josef Pieper, Das Viergespann, 166)

So sind auch die großen alten und neuen Sagenhelden wie Achilles, Siegfried oder Superman nicht deswegen heldenhaft, weil sie unverwundbar wären, sondern weil sie trotz ihrer Verwundbarkeit den vollen Einsatz gewagt haben.

Mut und echte innere Stärke setzen also das Wissen um die eigene Verwundbarkeit voraus. Deswegen kann auch Paulus paradox formulieren: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (Zweiter Korintherbrief 12,10)

Persönlichkeit

Der zweite Text stammt aus dem eben erschienen McKinsey Quarterly. Er hat mich deswegen überrascht, weil die Autoren im Zusammenhang von Führung Authentizität und Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit so sehr in den Vordergrund rücken. Das ist nun keineswegs eine neue Einsicht. Jeder Coach, der Führungskräfte berät, weiß, dass Veränderung von Systemen ohne Weiterentwicklung der handelnden Personen zum Scheitern verurteilt ist. Und dennoch ist es eine Perspektive, die man von einem Beratungsunternehmen, das Veränderungsprozesse sonst eher ausgehend von Organisationsstrukturen denkt und gestaltet, nicht erwartet. Man kann sich nur wünschen, dass der McKinsey-Beitrag gelesen wird und Wirksamkeit entfalten kann. Die Einsicht ist – wie gesagt – nicht neu; auch die allermeisten Führungskräfte wissen ganz spontan, dass ihre Persönlichkeit das eigentlich Führungs-„Tool“ ist. Und dennoch bieten viele Unternehmen wenig Raum und durchdachte Methoden, um sich Gedanken über Führung und die eigene Persönlichkeit zu machen.

Das hängt unter anderem damit zusammen, dass eine solche Selbsterforschung einem in der Regel nicht nur die eigenen Stärken und Ressourcen vor Augen führt, sondern zugleich auch Schwächen und eigene narzisstische Bedürfnisse. Gerade letztere sind bei Führungskräften oft sehr ausgeprägt, haben im Umgang mit Mitarbeitern viel destruktives Potential… und können doch, wenn sich jemand mit ihnen auseinandersetzt, positive Energie und Gestaltungskraft freisetzen.

„There is a crack in everything, that’s how the light gets in.“ (Leonard Cohen) .

Wahrhaftigkeit

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Tapferkeit ist keine billige Tugend. Mut und innere Stärke sind die Konsequenz von persönlicher Wahrhaftigkeit und Arbeit an sich selbst. Und im Blick auf Führung bedeuten sie: Das Gute und Richtige setzen sich nicht einfach von selbst durch, sondern brauchen den Einsatz der Person, den ganzen Menschen. Deswegen geht es bei Führung vielleicht vordergründig um Führungskenntnisse und –fertigkeiten, im Kern aber immer um Mut zur eigenen Überzeugung, um Persönlichkeit und Charakter.

 

 

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