Führung und Tugenden – 3: Gerechtigkeit

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Vermutlich war es für ihn eine nicht ganz alltägliches Redesituation: Gestern Abend hat Dr. Klaus Engel, der Vorstandsvorsitzende von Evonik Industries, im Münsteraner Dom eine Predigt über Gerechtigkeit im unternehmerischen Handeln gehalten und damit eine Reihe von Fastenpredigten zum Thema Gerechtigkeit eröffnet.
Allein das ist schon Grund genug, sich über das Verhältnis von Führung und Gerechtigkeit Gedanken zu machen; noch mehr sogar sein Hinweis, in einer Umfrage hätten 60% der im Ruhrgebiet Beschäftigten bekundet, ihnen sei sehr wichtig, ob sie sich mit der ethischen Ausrichtung ihres Unternehmens identifizieren könnten.

Drei Gedanken, was Gerechtigkeit – die zweite der vier Kardinaltugenden – für Führungskräfte bedeuten könnte:

Denke global
Eine der wichtigsten Facetten von Gerechtigkeit ist die Verteilungsgerechtkeit. Das klassische Ziel heißt dabei: Jedem das Seine (lat. suum cuique). Damit ist keineswegs gemeint, jeder müsse das Gleiche bekommen. Aber jeder soll erhalten, was er braucht und was ihm zusteht. In einer Familie bekommt vielleicht der 17-jährige Sohn mehr Taschengeld als der 10-jährige, ohne dass das ungerecht ist.
Wer heute Führungsverantwortung in einem Wirtschaftsunternehmen trägt, zumal in einem global agierenden, muss lernen, auch in der Frage der Verteilungsgerechtigkeit global zu denken. Das ist anstrengend, weil komplex und anspruchsvoll. Und es ist meist auch unbequem, weil die Konsequenzen solchen Denkens herausfordernd sein können. Dennoch: Gerechtigkeit kann heute nicht mehr nur lokal, in einem Unternehmen oder einem Land verwirklicht werden. In einer vollständig vernetzten und globalisierten Wirtschaft, müssen Führungskräfte global denken und handeln lernen.

Sieh das Antlitz
Im Deutschen gibt es den schönen Ausdruck „jemandem gerecht werden„. Neben der Verteilungsgerechtigkeit, die heute einen globalen Denkhorizont erfordert, gibt es eine noch andere Form von Gerechtigkeit; sie sieht das Antlitz eines einzelnen Menschen und lässt sich davon berühren und anfragen. Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas gründet seine ganze Philosophie und Ethik genau auf dieser Infragestellung und Herausforderung durch das Antlitz des Anderen.
Wer einem anderen Menschen gerecht werden will braucht zweierlei: Empathie – also die Fähigkeit, sich einzufühlen in einen anderen Menschen – und die Bereitschaft, ihm in sich Raum zu geben. Das aber bedeutet Abschied von Egoismus und Selbstherrlichkeit.

Achte das Innere
Wer in der vergangenen Woche am Aschermittwoch in der Kirche war, konnte dort folgenden Satz Jesu aus Matthäusevangelium hören: „Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten“ (Kap. 6,1). Wer fastet, betet oder Almosen gibt, soll das im Verborgenen tun. Hier bekommt man eine Vorstellung davon, was Jesus mit Gerechtigkeit meint: Sie erschöpft sich für ihn nicht in der gerechten Verteilung der Güter, sondern meint etwas Umfassenderes, Tieferes und Innerliches. Gerechtigkeit in diesem Sinn ist so etwas wie die lautere Absicht, das reine Herz, die spontane Güte. Sie setzt Authentizität und Aufmerksamkeit für das eigene Innere voraus.

Drei einfache Gedanken – mehr nicht.
Gerechtigkeit kann man kaum erschöpfend behandeln. Sie ist eines der zentralen Themen der Moralphilosophie und der politischen Philosophie. Seit Platon und Aristoteles vor über 2000 Jahren sich die Frage gestellt haben, was Gerechtigkeit sei, ist in immer neuen Anläufen darüber nachgedacht worden. Wer Lust hat auf Mehr zu diesem Thema, kann sich in die neueren Gerechtigkeitstheorien von John Rawls und und Amartya Sen einlesen… oder aber setzt sich in Harvard in den virtuellen Hörsaal und hört sich die ungemein anregende und spannende Vorlesung des Harvard-Starprofessors Michael J. Sandel zu diesem Thema an.

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