Mensch, konzentriere dich!

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Das Problem heißt Ablenkung: Ankommende Emails, das Klingeln des Telefons, der Kollege an der Tür, Whatsapp und Twitter zerfleddern unsere Arbeitszeit – und zermürben unsere Konzentrationsfähigkeit.

Die Antwort des Harward Business Manager in seiner aktuellen Februar-Ausgabe heißt: Fokussieren! Eleminiere die ablenkenden Faktoren, atme tief durch, konzentriere Dich und bleibe bei der Sache. Keine wirklich große Einsicht! Vor allem aber ein sehr durchschaubarer Versuch, sowieso schon strapazierte Mitarbeiter noch weiter auszuwringen und ein wenig effizienter zu machen.

So weit so gut, fänden sich im Leitartikel von Dan Goleman (das ist der Autor von „Emotionale Intelligenz“) nicht Hinweise auf Themen wie Achtsamkeit (awareness) und Meditation. Vielleicht geht es doch nicht nur um eine weitere Selbstoptimierungsschleife, sondern auch um eine andere Qualität von Arbeit, Selbstmanagement und Führung. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn ich mir die unendliche Fülle von Trainings- und Coachingangeboten anschaue, die Tag für Tag auf meinem Schreibtisch landen. Bei vielen dieser Programme geht es um die Frage, wie es gelingen kann, in den tausend Ansprüchen der Arbeit und des Alltags eine Orientierung zu behalten. Wie bleibt man innerlich auf Kurs und folgt dem eigenen Kompass? Wie kann es gelingen, sich nicht selbst zu verlieren, sondern im Gedröhne der tausend Stimmen noch die eigene innere Stimme wahrzunehmen?

Ich halte in diesem Zusammenhang viel von Achtsamkeitsmethoden, deren stressreduzierende und effizienzsteigernde Wirkung sich inzwischen auch empirisch recht gut erhärten lässt. (Siehe die Beiträge in „Die Zeit“ oder „Personalwirtschaft„)

Zugleich muss man bedenken, dass Achtsamkeitstechniken und Meditation Methoden sind, die sich aus spirituellen Traditionen heraus entwickelt haben. Natürlich kann man sie auch säkular und sozusagen losgelöst von ihrem ursprünglichen Inhalt nutzen. Dennoch scheint mir, dass es einen echten „Mehrwert“ bedeutet, wenn etwa Meditation nicht nur ein Weg in die eigene Innerlichkeit und Ruhe ist, sondern ein sich Verankern in einer geglaubten transzendenten Wirklichkeit.

Bedauerlicherweise bringen sich die Kirchen in diesen oben beschriebenen Suchbewegungen sehr vieler Mensch mit ihren Erfahrungen derzeit viel zu wenig ein. Es geht ja in all dem auch um das Verhältnis von Arbeit und Muße bzw. Aktion und Innerlichkeit und damit um ein Thema, dass die christliche Theologie und Spiritualität seit ihren Anfängen beschäftigt. In der Mönchstradition der Benediktiner etwa wird dieses Zueinander mit dem Schlagwort „ora et labora“ (Bete und arbeite) beschrieben. Es verhindert, dass Arbeit das ganze Leben dominiert und der Mensch zum „animal laborans“ (Hannah Arendt) wird, indem es die Arbeit immer wieder durch Gebet, Stille und Lektüre unterbricht. Der gerade heute gültige Aspekt dieses Ansatzes besteht in seiner kritischen Relativierung der Arbeit; er funktioniert allerdings in seiner ursprünglichen Form wohl nur in einem geregelten Klosteralltag und kaum in einer postmodernen und säkularen Lebenswelt.
Hilfreicher und zeitgemäßer ist da ein Begriff aus der jesuitischen Tradition: contemplativus in actione. Mitten in der Tätigkeit kontemplativ sein – aktiv und doch gesammelt – geschäftig und doch in sich ruhend und fokussiert.
Ich kenne Menschen – zumindest einige -, die so leben und arbeiten: aktiv, mit hohem Arbeitspensum, vielfältig interessiert, mit zahlreichen und bereichernden Beziehungen und in all dem doch verwurzelt, gelassen, konzentriert und achtsam für den gegenwärtigen Moment.
Wenn ich diese Menschen frage, was sie so leben lässt, sind das ihre Ratschläge:

1 – Mach dir klar, woher du lebst. Wo sind deinen tiefen, transzendenten Wurzeln?

2 – Verbinde dich einmal am Tag ausdrücklich mit diesen Wurzeln.

3 – Entwickle einfache Techniken (z.B. Konzentration auf die Atmung, Fokussierung, Achtsamkeitsübungen…), mit denen du dich inmitten der Arbeit, vor einem Telefonanruf, einem Gespräch, usw. immer wieder kurz an deine Wurzeln erinnern und darin verankern kannst.

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