Nachträgliche Weihnachtsgedanken

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Eine Welt ohne Weihnachtsmärkte, Weihnachtsdeko und Gänsebraten an Heilig Abend? Wunderbar! Ich könnte gut und gerne ohne das alles auskommen. Abgemacht, die Geschenke nehme ich gerne an und ich schenke auch gerne. Aber dazu bräuchte ich dieses Fest nicht unbedingt.

Aber trotzdem will ich um keinen Preis auf das Fest der Geburt Jesu Christi verzichten. Unvorstellbar, wie unsere Welt aussähe und wie wir uns und unser Menschsein erleben würden, wenn es die Geburt Jesu nie gegeben hätte. Man kann es sich wirklich nicht vorstellen, weil die Tatsache seiner Geburt so sehr unsere westliche Kultur durchdrungen hat, dass wir sie nicht hypothetisch daraus herauslösen können.

Ich will also auf Weihnachten nicht verzichten, weil der Gedanke, dass Gott in die Welt eingegangen ist, der größte und tröstlichste Gedanke überhaupt ist. (Und ich bin mir durchaus bewußt, dass ich damit allen denjenigen das Wort rede, die in allem Religiösen zuerst eine Trostfunktion für den im Weltall unbehausten Menschen vermuten.) Seit einigen Jahren lese ich in der Adventszeit immer wieder die Advents- und Weihnachtstexte des Jesuitenpaters Alfred Delp. Er schrieb sie im Dezember 1944, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung durch die Nazis. Sie gehören für mich zu den existenziellsten und aktuellsten Weihnachtsgedanken, die ich kenne. Darin heißt es: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt… für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“

Ich will auf Weihnachten nicht verzichten, weil diese Gegenwart Gottes in der Welt, die ihr Ursprung, Sinn und Ziel vermittelt, paradoxerweise auch die Geheimnishaftigkeit dieser Welt und des Menschen wahrt. Der Mensch ist nicht reduzierbar – weder auf biologische Prozesse, noch auf Gehirnfunktionen, noch auf seine Funktion als homo oeconomicus. Er ist unendlich viel mehr, weil er eine Sehnsucht nach dem Göttlichen in sich hat und weil er über sich hinauszugehen vermag. Augustinus würde sagen: Der Mensch ist gottfähig (homo capax dei). Weihnachten zeigt, dass der Mensch und Gott kompatibel sind und einander brauchen.
Das ist noch so ein großer Weihnachtsgedanke: Jeder Mensch ist ein Geheimnis. Und ein Geheimnis muß man achten und ehren.

Und schließlich will ich auf Weihnachten nicht verzichten, weil es das Fest der kleinen Leute ist und nicht der Reichen, Schönen und Erfolgreichen. Die Geburt Jesu stellt die Werte auf den Kopf: Maria, Josef, ein uneheliches Kind, Geburt in einem Stall, Flucht und erneute Einwanderung – das sind die Koordinaten der Auffindbarkeit Gottes. Und zugleich ist sie der logische Anfang für die soziale Revolution, die Jesus von Nazareth dann entfachen würde und der zufolge die Kleinen, Armen, Traurigen und Ausgestoßenen Gott am nächsten sind und in ihnen Gott in der Welt anzutreffen ist.

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