Antifragilität – 1

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Die meisten Organisationen, die ich kenne, sind träge. Sie bewegen sich nicht gern und verändern sich nur, wenn sie von außen dazu gezwungen werden. Sie lieben Strukturen, Stabilität, Sicherheit und Solidität. Wenn sie sich jedoch einmal verändern müssen, dann bedienen sie sich gerne des alten Change-Modells von Kurt Lewin: Unfreeze – transform – refreeze. Taue die bestehende Organisationsstruktur auf, baue sie um und friere die Organisation im neuen Zielzustand wieder ein – am liebsten für viele Jahre, bis dann leider wieder eine Veränderung ansteht.

Rigide Strukturen vs. Liquid Life

Es ist verwunderlich, dass dieses statische Verständnis von Veränderung faktisch immer noch sehr wirksam ist, obwohl es inzwischen zahlreiche dynamischere und differenzierte Change-Theorien gibt, und obwohl doch vor allem ein offener Blick auf die Wirklichkeit lehren könnte, dass Veränderungsprozesse fast nie Lewins 3-Phasen-Logik folgen. Es gibt kein sukzessives Abarbeiten von Veränderungsherausforderungen mehr. In vielen größeren Organisationen laufen zahlreiche Veränderungsprozesse parallel und überlagern sich – zeitlich und inhaltlich. Eine neue Struktur und neue Prozesse sind noch nicht etabliert, da werden sie schon wieder umgebaut. Ruhe und Stabilität sind Illusionen.

GlassplitterDer faktische Alltag vieler Organisationen heißt: Dauernder Veränderungsstress, erhöhter Flexibilitätsbedarf, Beschleunigung der Prozesse, Verunsicherung, Volatilität, fragile Strukturen.

Zwei Wirklichkeiten prallen also aufeinander: Auf der einen Seite das Bedürfnis der Organisationen nach Stabilität und Sicherheit und die ihnen deswegen innewohnende träge Schwerfälligkeit und auf der anderen Seite die faktische Unübersichtlichkeit und das volatile Chaos, in dem sie sich faktisch vorfinden.

Dieses Aufeinanderprallen, das sich für Organisationen und komplexe Systeme feststellen lässt, gilt wohl – unter etwas anderen Vorzeichen – genauso für Individuen und auch für Beziehungen.

Solide vs. antifragil

Auf diesem Hintergrund lese ich seit kurzem das neue Buch von Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität.

I2b5b7a1f9abd560d9561302a13d2148-fich fürchte, dass ich das Meiste nicht verstehen werde. Entweder, weil Taleb  – „the hottest thinker on the planet“ (Sunday Times) – einfach durchgeknallt ist oder aber viel zu genial für mich. Vielleicht trifft auch beides zu.

Talebs Begriff „Antifragilität“ hat es mir von Anfang angetan. Und das hat genau mit dem eben skizzierten Aufeinanderprallen der zwei Wirklichkeiten zu tun: Menschen erleben sich selbst, ihre Beziehungen und die Systeme und Organisationen, in denen sie leben und arbeiten, als äußerst fragil und empfindlich. Die Volatilität und immer kürzere Halbwertzeit vieler Dinge verunsichern sie. Organisationen bemühen sich deswegen um feste, robuste, stabile Strukturen. Einzelpersonen reagieren, indem sie sich zumindest temporäre Beziehungskohorten schaffen, kurzfristige Orientierungen organisieren und im Chaosnebel auf Sichtweite navigieren.

Für Taleb lautet der Gegenbegriff zu „fragil“ aber eben nicht „solide“, „fest“, „dauerhaft“ oder nassim-nicholas-taleb„robust“, sondern „antifragil“.

Fragil ist für ihn alles, was unter Veränderung, Unsicherheit und Chaos leidet. Robust und solide ist, was zwar in die Krise besteht, aber davon nicht gewandelt wird. Antifragil hingegen ist alles, was von Volatilität und Veränderung profitiert und dadurch stärker wird. Man darf also Antifragilität nicht mit Widerstandskraft oder der heute in vielen Unternehmen so bemühten Resilienz verwechseln. Resilienz bedeutet für Taleb, das man die Verunsicherung zwar durchsteht, aber durch sie nicht verändert wird, und eben nicht davon profitiert.

Talebs Idee der Antifragilität fixt mich an und ich ahne, dass sie eine größere Tragweite bekommen könnte. Für den Augenblick habe ich vor allem Fragen – aber ich bin ja auch noch nicht am Ende der Lektüre:

  • Was macht Organisationen und soziale Systeme antifragil?
  • Ist es das Gleiche, das Individuen, das Paar oder die kleine Gruppe antifragil macht?
  • Ich ahne diffus, was „antifragil“ meint. Aber fallen mit spontan antifragile Menschen ein? Welche? Und warum?
    Ich stelle mir vor, dass Jesus von Nazareth antifragil war. Etwa, wenn er sagt: „Niemand entreißt mir mein Leben, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen.“ (Joh 11, 18)
    Antifragilität könnte – was den Einzelnen angeht – etwas zu tun haben mit Freiheit und Liebe. Und damit, Fragilität überhaupt anzuerkennen… „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“. (2Kor 12,10)
  • Welche Organisationen profitieren von Unsicherheit, Krisen, Chaos? Und warum?
  • Können sie Antifragilität lernen?
  • Wann in ihrer 2000 Jahre währenden Geschichte war die Kirche antifragil? Wann nicht?
  • Gibt es Kommunikationsformen, die Antifragilität fördern?
  • Ist Gott eigentlich antifragil? Wenn ja, warum?

 To be continued…

Ein Kommentar

  1. Anti-Antifragilität = Resilienz !? -> http://www.xcellience.com.
    Danke für das Abstract, hat mich an das Buch erinnert.
    Hab Deinen Blog auf unserer google+-Seite verlinkt und zitiert – ich hoffe, ich durfte. Gern mehr in diese Richtung.
    Schöne Grüße, Geerd (Freund von Jörg – Atelierparty 2012)

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