Mehr sehen und verstehen – digital?

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Ich lote immer noch meine Ambivalenzen gegenüber dem Web 2.0 und seinen sozialen Netzwerken aus – wie schon in meinen Blogeintrag „Digitale Blindheit“. (https://andreastapken.com/2013/10/17/digitale-blindheit/)

Fundamentale Kritiken digitaler Kommunikationswelten, wie diejenige von Byung-Chul Han, sind für mich wegen ihrer klarsichtigen Schärfe so ansprechend. Hier werden scheinbar die abendländische Bildungstradition und eine anspruchsvolle Tiefe des Denkens verteidigt gegen die Banalisierung von Kommunikation und die schiere Informationsüberflutung.

„Mehr Information führt nicht notwendig zu besseren Entscheidungen. Durch die wachsende Informationsmenge verkümmert heute gerade das höhere Urteilsvermögen. Oft bewirkt ein Weniger an Information ein Mehr. Die Negativität des Auslassens und des Vergessens ist produktiv. Mehr Information und Kommunikation allein erhellt die Welt nicht. Die Durchsichtigkeit macht auch nicht hellsichtig. Die Informationsmenge allein erzeugt keine Wahrheit. Sie bringt kein Licht ins Dunkel. Je mehr Information freigesetzt wird, desto unübersichtlicher, gespenstischer wird die Welt. Ab einem bestimmten Punkt ist die Information nicht mehr informativ, sondern deformativ, die Kommunikation nicht mehr kommunikativ, sondern bloß kumulativ.“ (Byung-Chul Han, Im Schwarm. Ansichten des Digitalen, 2013, 79)

Luzide, verführerisch,… aber wahr? Entwickelt sich nicht vielmehr im Web 2.0 eine neue und oft höchst kreative Art von Kommunikation, Dialog und Denken, die aber anderen Regeln folgt? Ai Weiwei – der bekannteste Künstler Chinas – sagt von sich, dass er eigentlich nur dann denke, wenn er online sei.
Meine eigene Erfahrung als Digital Immigrant geht ja – wenn ich es mir richtig überlege – in die gleiche Richtung: Die Weise, wie ich mich informiere (oder besser: wie mich die Informationen, die ich brauche, finden), kennt heute fließende Übergänge zwischen klassischen Printmedien, digitalen Informationsportalen und soziale Netzwerken. Radio und Fernsehen hingegen werden für mich zunehmend bedeutungslos. Und was meine Kontakte angeht: Einige der wichtigsten und interessantesten Menschen in meinem Leben habe ich in der digitalen Welt kennengelernt. Und mit den meisten meiner digitalen Kontakte verkehre ich jetzt auch analog – und umgekehrt. Die Grenzen von real und virtuell verflüssigen sich. Ich bewege mich von der Virtual Reality zur Real Virtuality.

imageAuf diesem Hintegrund ist das eben erschienene Buch von Philipp Riederle der präzise Kontrapunkt zu Byung-Chul Hans Position. Riederle – einer der Stars der Internetszene – erklärt darin leichtfüßig und charmant die Welt der Digital Natives. Das optimistisch-helle Zukunftsszenario, das er dort skizziert, möchte der kritisch nachfragende Teil in mir sogleich als zu blauäugig abtun. Ein anderer Teil flüstert mir aber zu, dass ich so Riederle und seiner Generation und ihrer Kommunikationswelt vermutlich nicht gerecht werde und besser etwas aufmerksamer hinhöre.

Im Blick auf die Themen dieses Blogs ist besonders interessant, was Riederle über das Verhältnis von Unternehmen mit ihren Kunden anzumerken hat. (Man darf seine Analyse von Wirtschaftsunternehmen meines Erachtens 1:1 auf andere Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, usw. übertragen.)
Statt Dinge erfolgreich wirken lassen zu wollen, muss es darum gehen, Nähe aufzubauen – das ist bei meiner Generation wichtiger denn je. Lügen und falsche Versprechungen kommen mittlerweile ohnehin sehr schnell ans Tageslicht. (…) Viele Unternehmen fürchten sich schrecklich vor Transparenz, dabei ist sie erwiesenermaßen gut fürs Geschäft.“ (70)
Riederle gibt Unternehmen und Organisationen fünf Tipps:

  1. Entdeckt den Rückkanal – seid bereit zum Dialog!
  2. Öffnet Eure Systeme!
  3. Lasst Vernetzung zu!
  4. Lasst Loyalität wachsen!
  5. Macht keinen Unsinn – macht Sinn!

 

So zu agieren ist eine Riesenherausforderung für Organisationen mit hierarchisch-linearen Interaktionsstrukturen – und setzt dabei als erstes aber gar nicht andere Strukturen, sondern grundlegend andere innere Haltungen der sogenannten Entscheidungsträger voraus.

Es macht Spaß, Riederle zu lesen. Die digitale Welt, die er beschreibt ist alles andere als ein Hort von Banalität, Ignoranz und oberflächlichen Kontakten. Im Gegenteil: Es geht um Vernetzung, offene Kommunikation, ehrlichen Dialog und sinnvolles Leben. „Alles, was das Leben mit Sinn füllt, hat unsere Aufmerksamkeit“. (71)

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