Digitale Blindheit?

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Das war wieder so ein Moment, in dem mir die Ambivalenz meiner digitalen Existenz ganz klar wurde: Ich war gerade in Berlin angekommen und fuhr mit der S-Bahn zu meinem Hotel. Berlin – das ist seit je her eine der faszinierendsten Städte, die ich kenne. Ich kann mich an frühere Besuche erinnern, bei denen ich mich nicht satt sehen konnte, Details aufgesogen und Bilder innerlich abgespeichert habe.

Heute saß ich in der S-Bahn und starrte auf mein iPhone: Twitter, Nachrichten,… mehr oder minder wichtiges Zeug. Aber dieser kleine Bildschirm hatte meine ganze Aufmerksamkeit, während draußen Berlin ungesehen an mir vorbeizog.

Ich bin in einer analogen Welt groß geworden. Meine Kindheit bestand aus Natur, realen Freunden, drei Fernsehprogrammen und unendlichen vielen Büchern. Mit einer kleinen, aber kaum spürbaren Verzögerung habe ich dann die meisten Schritte hinein in die digitale Existenz mitgemacht – immer fasziniert von den Möglichkeiten, immer fragend, was denn nun der wirkliche Mehrwert ist.
Seit kurzem nun schreibe ich diesen Blog, habe meinen Twitter- und Google+-Account. Ich bin also nicht mehr nur Konsument, sondern auch Produzent in der digitalen Welt, bin Empfänger und Sender zugleich.

Ich rezipiere also nicht mehr nur die unübersehbare Informationsfülle, die das Internet auf meinen Bildschirm schwemmt, sondern trage dazu bei, schaffe sie mit. Ich lerne gerade, die Filter meiner Sozialen Netzwerke so einzurichten, dass mich immer mehr genau die Informationen erreichen, die ich wirklich will und brauche. Ich nutze meine digitale Existenz, damit die Wirklichkeit dieser Welt mich erreichen kann.

Und doch frage ich mich: Nehme ich jetzt mehr an Wirklichkeit wahr? Und wenn ja, welche? Und verstehe ich die Wirklichkeit, die mich umgibt, jetzt wirklich besser? War es sinnvoll, in der S-Bahn auf mein Smartphone zu schauen anstatt aus dem Fenster oder in Gesichter der Menschen?

Um klar denken zu können und neue Ideen zu bekommen, habe ich immer zwei Dinge gebraucht: Stille und Ruhe einerseits und das Gespräch mit einem anderen Menschen andererseits (so sehr, dass meine Doktorarbeit den Titel trägt: „Der notwendige Andere“).

Beides kommt mir in der digitalen Welt irgendwie abhanden. Ich empfange Unmengen an Informationen (und generiere sie jetzt auch noch), aber verarbeite sie oft nur noch oberflächlich. Manchmal kommt es mir vor, als verlöre mein Nachdenken an Tiefe.

Und dann diese seltsame Blicklosigkeit digitaler Beziehungswelten! Ich finde sie ungemein gut beschrieben von Byung-Chul Han in seinem Buch Im Schwarm. Ansichten des
Digitalen
. (Ich finde nach dem ersten Querlesen: Ein sehr geistreiches, kluges Buch!)

20131017-164228.jpgByung-Chul Han beschreibt dabei dieses interessante Phänomen, dass es beim Skypen nicht möglich ist, einander anzublicken. Weil die Kamera am oberen Rand des Bildschirms installiert ist, glaubt der andere, man schaue leicht nach unten. Und so bleibt immer diese Verschiebung des Blickes, eine Asymmetrie und letztlich ein Sich-nicht-Treffen, eine Distanz. Dank Skype können wir uns ständig nahe sein, aber wir schauen aneinander vorbei.
„Früher haben wir das Gegenüber, zum Beispiel das Bild, antlitzhafter oder blickhafter wahrgenommen als heute, nämlich als etwas, was mich anblickt, was in einer Eigenwüchsigkeit, in einer Autonomie oder in einem Eigenleben verharrt, was mir entgegenweilt oder entgegenlastet. Das Gegenüber besaß früher offenbar mehr Negativität, mehr Gegen als heute. Heute verschwindet immer mehr dieses antlitzhafte Gegenüber, das mich anblickt, angeht oder anweht. Früher gab es mehr Blick, durch den, wie Sartre sagt, sich der Andere ankündigt. Sartre bezieht den Blick nicht allein auf das menschliche Auge. Vielmehr erfährt er die Welt selbst als blickhaft. Der Andere als Blick ist überall. Die Dinge selbst blicken uns an. (…) Die digitale Kommunikation ist eine blickarme Kommunikation. (…) Schuld am Aneinander-Vorbeischauen-Müssen ist nicht allein die Kameraoptik. Es verweist vielmehr auf den grundsätzlich fehlenden Blick, auf den abwesenden Anderen. Das digitale Medium entfernt uns immer mehr vom Anderen.“ (35-37)

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