Von der Zukunft her führen – Otto Scharmers neues Buch

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Das persönlich wohl wichtigste Buch, das ich in den vergangenen Jahren zum Thema Organisationsentwicklung und Change Management gelesen habe, ist Theorie U. Von der Zukunft her führen (dt. 2009, Auer-Verlag) von Otto Scharmer, einem deutschen Forscher am renommierten MIT im amerikanischen Cambridge.

Otto ScharmerScharmer ist unverkennbar ein Idealist. Vermutlich sind es die meisten Menschen, die sich mit Veränderung und Weiterentwicklung von Organisationen beschäftigen. Alle Veränderung entwickelt ihre Energie immer aus einem irgendwie gearteten idealistischen Impuls heraus. Was Scharmer aber auszeichnet, ist die empirische Fülle, mit der er seine Theorie hinterlegt. Er macht klar: Man kann eine Organisation entwickeln und auf die „höchste Zukunftsmöglichkeit“, die in ihr schlummert, hin verändern.

Leading from the emerging futureIn diesen Tagen lese ich das neue Buch, das Otto Scharmer zusammen mit seiner Frau Katrin Kaufer gerade veröffentlicht hat: Leading form the Emerging Future. From Ego-System to Eco-System Economies (2013, Berrett-Koehler Publ.).

Einige wenige erste Eindrücke dazu:

  • Ich konnte mich der Stringenz und dem faszinierenden Anspruch seiner Analysen kaum entziehen. Seine Ausgangsthese: „What’s dying is an old civilization and a mindset of maximum ‚me’ (…) that has led us into a state of organized irresponsability, collectively creating results that nobody wants.“ (1) Um es gleich zu sagen: Die Gesellschaftsanalysen des Autorenpaares sind allenfalls skizzenhaft, ihre Zustandsbeschreibungen grobkörnig und im Detail hinterfragbar. Und dennoch finde ich mich wieder in ihren Diagnosen, finde Gedanken auf den Punkt gebracht, die mich im Alltag immer wieder einmal anspringen, die festzuhalten mir aber meist nicht gelingt.
  • Scharmer und Kaufer geht es um die Zukunft. Sie wollen die Gegenwart verändern, indem sie eine mögliche Zukunft spürbar werden lassen. „It’s a future that requires us to tap into a deeper level of our humanity, of who we really are and who we want to be as a society. It is a future that we can sense, feel, and acutalize by shifting the inner place from which we operate.“ (1)
  • Scharmer ist in seinem Denken stark beeinflusst von seinen Lehrern, den ebenfalls am MIT lehrenden Pionieren der Organisationsentwicklung Ed Schein und Peter Senge. Von ihnen weiß er, dass Organisationen sich nur verändern, wenn man ihre mentalen Systeme und grundlegenden Annahmen und Werte versteht und beeinflusst. Vergleicht man eine Organisation mit einem Eisberg, geht es um all die Bereiche, die unsichtbar unter der Wasseroberfläche liegen.
  • Für Scharmer und Kaufer ist ein falsches, unangemessenes Denken die gemeinsame Ursache aller Probleme. Sie optieren deswegen für ein neues, achtsames Bewusstsein und Denken. „The quality of results produced by any system depends on the quality  of awareness from which people in the system operate. The formula for a successful change process is not  ‚form follows function’, but ‚form follows consciousness’. The structure of awareness and attention determines the pathway along which a situation unfolds.“ (18)
  • Damit sich ein neues Bewusstsein und eine veränderte Sicht auf sich selbst und die eigene Organisation einstellen kann, braucht es  eine Denk-Unterbrechung („moment of reflective disruption“). Scharmer und Kaufer sind so mutig zu behaupten, dass man für eine solche Unterbrechung an einen Ort der Stille gehen muss – als Einzelne und auch als Organisation. Ein äußerst attraktiver Gedanke… und eine Praxis, die sich in der christlichen spirituellen Tradition seit Jahrhunderten bewährt hat. Und ein Ansatz, der in der Tat den unzähligen hektisch aktiven, aber ziellos agierenden Organisationen und Unternehmen gut täte.
  • Die Lektüre des neuen Buches macht Freude und inspiriert. Ein kritischer Einwand aber drängte sich mir immer wieder auf: Als Psychologe und Therapeut weiß ich um die enorme Kraft unbewusster Bedürfnisse und Dynamiken. Sie sind in einzelnen Personen ebenso wirksam wie in sozialen Systemen. Der Veränderungsansatz von Scharmer und Kaufer beim Bewusstsein und Denken scheint mir im Kern zu kognitiv und willensorientiert und übersieht den Widerstand gegen Veränderung, den das Unbewusste entfalten kann.

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