Der Papst mischt die Kirche auf

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Ein guter Freund von mir ist Journalist und Vatikanberichterstatter in Rom – der einzige übrigens, der im Vorfeld die Wahl von Jose Maria Bergoglio zum Papst vorausgesagt hatte.

Neulich vertraute er mir an, dass ihm dieser Papst einfach sympathisch sei und das seine Arbeit als kritischer Journalist nicht gerade leichter mache. Mir geht es ganz ähnlich: Ich mag diesen Papst – seine Gesten und Symbole, seine ungespielte Bescheidenheit, die Akzente, die er setzt. Ich mag die Jesuiten und den Stil und die Offenheit, die sie in die Kirche bringen, und freue mich, dass einer von ihnen nun Papst ist. Mit einer gewissen Schadenfreude sehe ich auch, dass manche konservative Kirchenvertreter nun in Begründungsnot kommen und hoffe zugleich, dass der Opportunismus, mit dem manche auch jetzt schon ihre Segel nach dem neuen Wind ausrichten, ihnen doch schnell als solcher angekreidet wird.
Kurz, ich mag diesen Papst und frage mich zugleich: Wird er seine Vision von Kirche umsetzen können? Werden den Worten überzeugende Taten folgen?

Ein wichtiges Signal in diesem Zusammenhang ist das große in der vergangenen Woche veröffentlichte Interview. Bedeutsam ist allein schon die Tatsache, dass er keine Enzyklika oder ein irgendwie amtliches Lehrschreiben wählt, um sich zu den Themen zu äußern, die ihm wichtig sind, sondern sich für die zeitgemäße Form eines Interviews entscheidet. (Die deutsche Übersetzung des gesamten Interviews findet sich hier: http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/online_exklusiv/details_html?k_beitrag=3906412 ).

Mich interessiert das Interview aus der Perspektive des Veränderungsmanagements. Franziskus hat eine Vision von Kirche, die in deutlichem Kontrast steht zu vielem, das er vorfindet. Er betreibt Change Management. Aber wie macht er das? Welche Hebel setzt er in Bewegung? Vor allem, wie will er bewirken, dass die Veränderung tief greift und nachhaltig wirkt?
Im Interview gibt er dazu eine Reihe von Hinweisen. Nach einem Modell für Veränderungsprozesse von Otto Scharmer (vgl. sein Buch Theorie U) lassen sich verschiedene Ebenen von Veränderung unterscheiden, die mit unterschiedlichen Fragen zusammenhängen: Was soll verändert werden? Wie geschieht die Veränderung? Von woher wird sie bewirkt?

Die Ebene der Inhalte (das Was) hat unmittelbar die höchste Sichtbarkeit. Hier spricht der Papst wichtige Themen an, bei denen er Veränderungsbedarf sieht: Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, Abtreibung, Homosexualität. Es sind allesamt Themen, die Vielen unter den Nägeln brennen. Ihretwegen bekommt der Papst derzeit so große Aufmerksamkeit, aber es könnten in einigen Jahren auch andere sein. Im Kern ist die inhaltliche Ebene nur die Oberfläche des Veränderungsprozesses, der Teil des Eisbergs, der aus dem Wasser ragt.

Die Ebene der Prozesse (das Wie) reicht tiefer und ist deswegen auch wichtiger. Der Papst gibt eine Reihe von interessanten Hinweisen, wie er sich Veränderungsprozesse vorstellt. Das eigentlich Revolutionäre seines Interviews ist, dass er Prozesse als solche für wesentlicher hält als ihre Verdichtung in Ergebnissen. Dass sich Menschen überhaupt prozesshaft suchend und dialogisch auf einander einlassen ist für ihn das Entscheidende. Wie sein Lieblingsdichter Hölderlin scheint Franziskus zu wissen: „Des Göttlichen empfingen wir doch viel, seit ein Gespräch wir sind und hören können voneinander.“ Der Papst privilegiert die Zeit (= Weg, Prozess) gegenüber dem Raum (= strukturiert-statische Verdichtung und Präsenz).
Mit seinem Fokus auf die Prozessdynamik befreit der Papst die katholische Kirche aus ihrer Fixierung auf in Stein gemeißelte Wahrheiten und hierarchisch-statische Macht… und gibt ihr die Möglichkeit, bei einem dynamischen Diskursverständnis anzudocken, das die moderne Gesellschaft schon lange prägt.

Interessanterweise beschreibt Franziskus aber noch eine weitere und grundlegendere Dimension: die Ebene des Ursprungs (das Woher). Wo entsteht überhaupt eine Ahnung der noch unbekannten Zukunft? Wo kommt eine Organisation zu einer tief gehenden gemeinsamen Willensbildung?
Hier kommt eine Dimension zur Sprache, die die meisten Unternehmen und Organisationen nicht im Blick haben, weil sie nicht tief genug fragen, kurzfristig sichtbare Erfolge generieren wollen oder einfach nur Veränderung mit Aktivismus verwechseln. Genau deswegen scheitern aber so viele Veränderungsprozesse oder entfalten kaum Wirksamkeit. Die gemeinsame Willensbildung reicht nicht tief genug. Widerstände gegen die notwendige Veränderung bleiben unbearbeitet. Und die eigentlichen Energiequellen für die Veränderungen werden nicht freigelegt.
Otto Scharmer betont, dass Organisationen, die eine nachhaltige Veränderung anstreben, miteinander an einen „Ort der Stille“ gehen müssen, an dem eine Ahnung der Zukunft entstehen kann. Es geht hier um die Ursprünge des Entscheidens und Handelns und deswegen für Scharmer um einen spirituellen Prozess.
Franziskus beschreibt im Interview, wie er sich Entscheidungsfindung in der Kirche vorstellt (in jesuitischer Tradition spricht er von „Unterscheidung“), und er scheint entschlossen, der Kirche die Unsicherheit und Offenheit zuzumuten, die das mit sich bringt.

Mehr zu den drei Ebenen und zur Theorie U von Otto Scharmer:
http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_31157_31158_2.pdf

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