Resonanz: Das Lied in den Dingen

Im März dieses Jahres erschien das große neue Werk des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa Resonanz. Eine Soziologie de Weltbeziehung. Ein kluges, gelehrtes, mehr als 800 Seiten starkes Buch, das im Kern um eine zentrale Idee kreist: Der erlebten Entfremdung des spätmodernen Menschen kann nur mit resonanten Weltbeziehungen begegnet werden.

RosaRosas neues Werk greift seine früheren Studien zur Beschleunigung auf. Moderne Gesellschaften sind demnach dadurch gekennzeichnet, dass sie fortwährend auf Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung angewiesen sind, um ihre Struktur bzw. ihren Status Quo zu erhalten. Sie können sich also nur dynamisch stabilisieren, indem sie diesen Steigerungszwang ständig fortschreiben und verstärken. Fortschritt erfolgt nur durch beständige Steigerung. Gibt es einen Ausweg aus dieser Beschleunigungsfalle?

„Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“ (13)

Diese zunächst überraschende These macht den inhaltlichen Ankerpunkt des Buches aus. Die beständige Beschleunigung, das immer Mehr in immer kürzeren Zeiteinheiten, bewirkt ein Lebensgefühl der Entfremdung. Die Antwort auf diese Entfremdung kann für den spätmodernen Menschen aber keine quantitative sein, also nicht Entschleunigung, nicht die quantitative Mengenreduzierung pro Zeiteinheit. Sie muss vielmehr in einer qualitativen Veränderung bestehen.

„Meine These ist, dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehung ankommt, das heißt auf die Art und Weise, in der wir als Subjekte Welt erfahren und in der wir zur Welt Stellung nehmen; auf die Qualität der Weltaneignung.“ (19)

Was Rosa dann sehr ausführlich unternimmt, ist im Grunde nichts anderes als ein immer neues Durchexerzieren dieser These in den unterschiedlichsten Lebensbereichen und Wissenschaften, wobei er behände von soziologischen Beobachtungen zu biologischen, kognitiven, psychologischen, theologischen und philosophischen Reflexionen wechselt. Um schließlich festzustellen: Menschlichem Leben ist eine grundlegende Bezogenheit zur Welt eingeprägt. Wo diese Beziehung nicht mehr spürbar erlebt wird, stellt sich das Gefühl der Selbst- und Weltfremdheit ein. Resonanz ist nun nichts anderes als die Erfahrung, von der Welt berührt zu werden, sie mir aneignen zu können und in ihr eine Wirksamkeit zu entfalten.

Um diesen Kern seines Ansatzes zu verdeutlichen, bemüht Rosa von Eichendorffs romantisches Gedicht Die Wünschelrute:

„Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort
Und die Welt hebt an zu singen
Triffst Du nur das Zauberwort.“

Zum Selbsterleben des spätmodernen Menschen gehört nun aber genau dies: Die Welt klingt und singt nicht mehr. Sie ist verstummt und nicht mehr resonant. Alle Versuche aber, das Lied zu neu erwecken, folgen dem typischen modernen Modus der Steigerung. Über einen Zuwachs an Ressourcen (Geld, Wissen, Beziehungen) versucht er seine Weltreichweite zu vergrößern, um schließlich zu spüren, dass ihm genau auf diesem Weg das Zauberwort immer mehr entgleitet.

Resonanz bleibt das Versprechen der Moderne, Entfremdung aber ist ihre Realität.“ (624)

SoundWie kann die Welt wieder zum Klingen kommen? Das geht für Rosa zunächst über eine ausführliche Kritik der Resonanzverhältnisse und sodann über den Versuch, Resonanzsphären und Resonanzachsen zu beschreiben. Diese können die Beziehungen zu Familie und zu Freunden betreffen (horizontale Resonanzachsen), den Umgang mit den Dingen und die Arbeit (diagonale Resonanzachsen) oder aber den Bereich der Religion, Natur und Kultur (vertikale Resonanzachsen).

Zurzeit gelingt es aber kaum, auf diesen Wegen das Resonanzbedürfnis überzeugend zu befriedigen. Resonanzerlebnisse bleiben singulär, begrenzt, artifiziell und konstruiert, obwohl ihnen ihrer Natur nach etwas Unverfügbares eigen ist.

„Es hat sich gezeigt, dass die Steigerungsimperative einer Wachstumsgesellschaft, die sich nur dynamisch zu stabilisieren vermag, in zunehmendem Maße in Widerspruch zum Resonanzverlangen und –versprechen der Moderne geraten. Sie erzwingen eine Dominanz verdinglichender, stummer Weltbeziehungen sowohl in der institutionellen Verfassung moderner Gesellschaften als auch im dispositionalen Beziehungsmodus der Akteure. Deren unhintergehbares Resonanzverlangen findet sich einerseits in die außeralltäglichen Resonanzoasen der arbeitsfreien Zeit verschoben und wird andererseits selbst verdinglicht.“ (722)

Rosa kommt am Ende seiner großen Studie zum Schluss, dass ein kultureller Paradigmenwechsel nicht nur notwendig ist, sondern sich auch schon abzeichnet.

Eine bessere Welt ist möglich, uns sie lässt sich daran erkennen, dass ihr zentraler Maßstab nicht mehr das Beherrschen und Verfügen ist, sondern das Hören und das Antworten.“ (762)

Wer sich die Mühe macht, sich durch diese 800 Seiten durchzuarbeiten, wird belohnt mit einer Vielzahl nicht nur gelehrter, sondern auch wirklich erhellender Einsichten.

Zum Schluss noch für alle Leser, denen die obige Beschreibung von Resonanz zu unspezifisch geblieben ist, hier die detaillierte Definition von Resonanz, die Rosa selbst anbietet:

„Resonanz ist eine durch Af←fizierung und E→motion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserfahrung gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.
Resonanz ist keine Echo-, sondern eine Antwortbeziehung; sie setzt voraus, dass beiden Seiten mit eigener Stimme sprechen, und dies ist nur dort möglich, wo starke Wertungen berührt werden. Resonanz impliziert ein Moment konstitutiver Unverfügbarkeit.

Resonanzbeziehungen setzen voraus, dass Subjekt und Welt hinreichen ‚geschlossen’ bzw. konsistent sind, um mit je eigener Stimme zu sprechen, und offen genug, um sich affizieren und erreichen zu lassen.

Resonanz ist kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus. Dieser ist gegenüber dem emotionalen Zustand neutral. Daher können wir traurige Geschichten lieben.“ (298)

Gold an den Rissen

In der vergangenen Woche hatte ich einen Workshop mit dem Vorstand eines DAX-Unternehmens zu gestalten. Eines der Themen, die wir dabei zu adressieren hatten, hieß: Wie kann es dem Vorstand gelingen, eine ehrliche, authentische Kommunikation mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Unternehmens zu stärken? Kein leichtes Unterfangen für CEOs und Top-Führungskräfte, die es gewohnt sind, mit schielendem Seitenblick auf die sensiblen Börsenkurse auf keinen Fall Schwächen zu zeigen und jedes Statement auf seine strategische Wirkung hin zu überprüfen und entsprechend glattzubügeln.

Und dennoch wurde klar: Ehrlichkeit und Authentizität werden von den Mitarbeitern geschätzt und mit Vertrauen belohnt… wenn sie wirklich ehrlich gemeint und authentisch sind und wenn jemand deutlich machen kann, was er aus den Fehlern, Grenzen und Schwächen gelernt hat.

Mich hat das erinnert an gute Freunde in Italien. Immer, wenn ich bei Ihnen zu Gast bin, erwartet mich ein wunderbares Essen, bei dem jedes Mal der alte getöpferte Salztopf auf dem Tisch steht. Und immer wieder kommen wir dann auf den Deckel des Salztopfes zu sprechen. Er ist schon mehrere Mal heruntergefallen, ist zerbrochen und wieder geklebt worden. Die Risse und Bruchstellen sind deutlich sichtbar. Aber nie kam jemand auf die Idee, in wegzuwerfen und zu ersetzen, weil jeder Riss an eine bestimmte Begebenheit erinnert: Der Besuch von Paola und Marco, bei dem sie erzählten, dass sie heiraten werden; das Abendessen mit Massimo, bei dem er sich so herrlich über Berlusconi aufregen konnte…

Ein Ding ohne Brüche und Risse ist schön, es ist sogar perfekt, aber es hat keine Geschichte, es erzählt nichts.

„There is a crack in everything,
that‘s how the light gets in.“
 (Leonhard Cohen)

Kintsugi ist eine traditionelle japanische Reparaturmethode, bei der die Scherben eines Gefäßes mit einem speziellen Lack, dem Gold beigemischt wurde, wieder verbunden werden. Diese Methode ehrt die Brüche. Sie verbirgt sie nicht, sondern vergoldet sie. Was herauskommt, sind oftmals wunderbare Kunstwerke, schöner und einzigartiger als das ursprüngliche Gefäß.

Schale

Die denkbaren Analogien sind vielfältig:

Sie können den Umgang mit den eigenen persönlichen Grenzen und Schwächen betreffen. Was das Leben eines Menschen bedeutsam macht, sind weniger seine Erfolge und Leistungen als die Art, wie er mit den Rissen seines Lebens umgegangen ist  und der Mut, mit dem er die Brüche angeschaut und integriert hat.

„Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.“ (Christoph Schlingensief)

Analogien gibt es auch zur Ästhetik. Bjung-Chul Han kritisiert in seinem Buch Die Errettung des Schönen (2015) das zeitgenössische Schönheitsideal des Glatten. Schön sei demnach der glatte, perfekte Körper, die makellose Oberfläche. Eine solche Schönheit bleibt dann aber auch nur oberflächlich. Ohne Distanz, Verhüllung und Verletzung fehlt ihr jede Tiefe. Ganz anders ist da die Einzigartigkeit eines Tongefäßes mit vergoldeten Rissen, das eine Geschichte zu erzählen vermag.

Und schließlich die Analogie zur anfänglich erwähnten glattgebürsteten Kommunikation vieler Unternehmen und ihrer Führungskräfte. Unter dem (falschen) Anspruch positiver und gewinnender Information wird das Gesagte nur unendlich nichts-sagend und austauschbar. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wünschen sich aber keine Helden, sondern weise, lebenserfahrene Führungskräfte, die ehrlich über ihr Gelingen, ihre Erfolge und ebenso über ihr Scheitern und ihren Neuanfang sprechen können.

„Und Anfang glänzt an allen Bruchstellen unseres Misslingens.“ (Rainer Maria Rilke)

Anker werfen

Achtsamkeit, Stille und Kontemplation sind überall. Ich entkomme ihnen nicht. Keine Bahnhofsbuchhandlung, in der mir nicht eine unübersehbare Auswahl an Ratgebern in nur 30 Minuten oder fünf absolut sicheren Schritten den Weg zu innerer Sammlung, Energie und zum eigenen Selbst weisen will. Immer wieder nehme ich sie zur Hand… und immer wieder bin ich enttäuscht: So oberflächlich scheinen mir die Analysen, so wenig herausfordernd, so simpel die Antworten. 9783837611571_720x720Davon hebt sich äußerst angenehm der jüngst vorgelegte Essay „Duft der Zeit“ des koreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han ab. Hans Buch ist kein Ratgeber, sondern ein philosophisches Gespräch mit großen Dialogpartnern wie Proust, Lyotard, Heidegger, Arendt oder Weber. Han fragt sich, wie der postmoderne Mensch eigentlich seine Zeit erlebt und warum er sich oft in aktivistischer Hetze oder scheinbar endloser Langeweile verliert. Wer je einmal selbst versucht hat, für zehn Minuten nur da zu sein, offen und empfänglich, ohne etwas zu tun, zu denken oder zu planen, der weiß, wie unruhig, flirrend und getrieben unser Geist fast immer ist.

„Die heutige Zeitkrise hängt nicht zuletzt mit der Absolutsetzung der vita activa zusammen. Sie führt zu einem Imperativ zur Arbeit, der den Menschen zum animal laborans degradiert. Die Hyperkinese des Alltags nimmt dem menschlichen Leben jedes kontemplative Element, jede Fähigkeit zum Verweilen. Sie führt zum Verlust von Welt und Zeit. Die sogenannten Strategien der Entschleunigung beseitigen diese Zeitkrise nicht. Sie verdecken sogar das eigentliche Problem. Notwendig ist eine Revitalisierung der vita contemplativa. Die Zeitkrise wird erst in dem Moment überwunden sein, in dem die vita activa in ihrer Krise die vita contemplativa wieder in sich aufnimmt.“ (8)

Die beschleunigte Zeit hat keinen Halt, sie macht sich nirgendwo fest.

„Aufgrund des fehlenden Haltes faßt das Leben heute nicht leicht Tritt. Die temporale Zerstreuung bringt es aus dem Gleichgewicht. Es schwirrt. Es existieren keine stabilen sozialen Rhythmen und Takte mehr, die den individuellen Zeithaushalt entlasten würden. Nicht jeder vermag seine Zeit selbstständig zu definieren. Die zunehmende Pluralität der Zeitläufe überfordert und überreizt den Einzelnen. Die fehlenden temporalen Vorgaben führen nicht zu einem Zuwachs an Freiheit, sondern zu einer Orientierungslosigkeit.“ (18)

Beschleunigung, Erhöhung des Lebenstempos, Verpassungsangst, Steigerung der HanErlebnisrate sind die Schlagworte, die das Selbsterleben vieler Menschen am ehesten beschreiben. Sie folgen dem kulturellen Versprechen der Beschleunigung und wollen schneller leben.

Aber „(…) es ist nicht die Anzahl der Ereignisse, sondern die Erfahrung der Dauer, die das Leben erfüllter macht. Wo Ereignisse schnell aufeinanderfolgen, entsteht nichts Dauerndes. Erfüllung und Sinn lassen sich nicht mengentheoretisch begründen. Ein schnell gelebtes Leben ohne das Lange und Langsame, ein von kurzen, kurzfristigen und kurzlebigen Erlebnissen bestimmtes Leben ist, wie hoch die ‚Erlebnisrate‘ auch immer sein mag, selbst ein kurzes Leben.“ (40)

Han liefert keine defätistische Zeitkritik, kein Untergangsszenario des Abendlandes. Eher scheint er seine Zeitgenossen, die durch ihr eigenes Leben hetzen, in ihrer Arbeit untergehen oder ihre Zeit totschlagen, indem sie sich vor flimmernden Bildschirmen durch sie hindurchzappen, an die Hand nehmen zu wollen, um mit ihnen eine andere Gangart zu finden.

„Die Gegenwart verkürzt sich, verliert jede Dauer. Ihr Zeitfenster wird immer kleiner. Gleichzeitig drängt sich alles in die Gegenwart. Das hat ein Gedränge von Bilder, Ereignissen und Informationen zur Folge, das jedes kontemplative Verweilen unmöglich macht. So zappt man sich durch die Welt.“ (45)

Die Aktivität, die Arbeit, mithin das ganze Leben des postmodernen Menschen hat seinen Halt verloren. Es schwirrt, vibriert, rennt sich aktivistisch zu Tode. Es gilt eine temporale Gravitation wiederzufinden, die der Gegenwart eine Bedeutungsdichte verleiht und sie so sowohl dem Aktivismus als auch der Langeweile entreißt. Diese Schwerkraft entsteht durch Kontemplation, Konzentration, Verweilen. In der katholischen spirituellen Tradition gibt es den Begriff des contemplativus in actione. Gemeint ist der Mensch, der inmitten des Tätigseins und Engagements gesammelt, fokussiert und innerlich verankert ist. Genau darum geht es Han: dass die aktive Dimension des Lebens die kontemplative neu in sich auf nimmt. Herzlichen Glückwunsch zu einem wichtigen und dringlichen Buch!

Komplexität

„Komplexität und Soziale Netzwerke“ – lautete das Thema der Keynote, die mein Kollege Rainer Gimbel und ich am 7. November im Kölner Hyatt-Hotel gehalten haben.

Eine irre spannende Frage: Wie können Organisationen mit der Komplexität umgehen, die sie intern und in der sie umgebenden Welt vorfinden? Meines Erachtens eines der wichtigsten Zukunftsthemen für Unternehmen, Organisationen und deren Führung.

Hier ein kurzes Video, unmittelbar nach dem Vortrag:

http://www.die-akademie.de/journal/interviews/mit-andreas-tapken

Persönlichkeit ist gefragt

Sonntagvormittag, Akademie Schwerte, 40 Studierende verschiedener Fakultäten. Sie haben mich eingeladen, um mit ihnen zu „Macht – zwischen Allmacht und Ohnmacht“ zu arbeiten.

Ich entschließe mich, das gigantische Thema Macht aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten – philosophisch, psychologisch und theologisch.
Unsere Diskussion kreist dabei immer wieder um das Verhältnis von Macht und Führung. Wir sprechen über gelungene Führung und zukunftsweisende Führungsstile (Führung 2.0), aber auch die Gefahr des Machtmissbrauchs und über Narzissmus bei Führungskräften. Und vor allem kommen wir immer wieder auf die Persönlichkeit des Führenden zu sprechen.

Welche Art von Führung braucht die Zukunft?
Das managermagazin hat in seinem Juli-Heft einen großen Beitrag über Führungskräfte folgendermaßen getitelt: „Hauptsache authentisch“. Wie kann es gelingen, Macht zu haben (oder danach zu streben) und sich doch selbst treu zu bleiben, sich nicht zu verbiegen?

Auch mir gefällt die Idee der Authentizität. Aber ich wende ein: Auch Wladimir Putin oder Kim Jong-un sind auf ihre Weise authentisch und sich selbst treu.

Authentizität muss definiert werden. Richtig verstanden bedeutet sie: Persönlichkeit ist gefragt.

Ein Verständnis von Führung und Machtausübung, das Persönlichkeit in die Mitte rückt, schafft eine neue Balance in der Diskussion der letzten Jahrzehnte über effektive Führung: Also weder ein heroisches Führungsverständnis, das Führungserfolg im Kern auf außergewöhnliches persönliches Charisma zurückführt. Noch ein Führungshandeln, das sich in der simplen Aneignung einiger Kompetenzen und Fähigkeiten (skills) in einem Wochenendseminar erschöpft.

Gute Gestaltung von Macht und gelungene Führung sind eine Frage von Charakter und imagePersönlichkeit. Wie also die eigene Führungspersönlichkeit entwickeln?

So! Zehn Maximen, die gute Macht und Führung vor allem als Arbeit an sich selbst verstehen.* 

1. Eigene Macht und Ohnmacht verstehen
Ergründe, was Macht (oder Ohnmacht) für dich bedeutet. Lerne, automatische, reflexhafte Reaktionen im Blick auf Macht und Autorität(en) zu erkennen, zu verstehen und, wo nötig, zu überwinden.

2. Macht bejahen
Macht ist etwas Neutrales und kann gestaltet werden. Befreie dich von negativen Vorbehalten oder unrealistischen Ohnmachtsgefühlen. Sieh Macht als Gestaltungsmöglichkeit und als Chance, Gutes zu bewirken.

3. Zielen dienen
Macht ist kein Wert in sich. Überlege, welchen Zielen und Werten dein Handeln dient. Prüfe regelmäßig ehrlich und nüchtern deine Motive. Mühe dich um eine lautere Absicht. Steh zu deinen Überzeugungen, auch wenn das der Karriere schadet. Nachhaltigkeit ist wichtiger als Erfolg und zahlt sich langfristig aus.

 4. Die Wirklichkeit anerkennen
Akzeptiere die Wirklichkeit wie sie ist, nicht wie du sie haben möchten. Lerne zu unterscheiden, was in deiner Macht steht zu ändern – und was nicht.

 5. Zeige dich verantwortlich
Wer führt, übernimmt Verantwortung. Aber auch wer sich draußen hält, muss die Verantwortung dafür übernehmen. Stehe zu dem, was du denkst, sagst und tust. Handle im Einklang mit deinem Gewissen.

6. Gefahren und Dilemmata bejahen
Man kommt nicht um Ambivalenzen herum, erst recht nicht, wenn man Macht und Verantwortung übernimmt. Wer sich nicht die Hände dreckig machen will, macht sie sich erst recht dreckig. Man kann nicht als Jungfrau durchs Leben gehen. Beschäftige dich mit Ethik und Werten, damit du entscheiden kannst, was in einem Dilemma zu tun ist.

7. Persönlichkeitsbildung
Gelungene Machtgestaltung ist im Kern eine Frage von Persönlichkeit und Charakter. Deswegen: Pflege Innerlichkeit, Stille, Reflexion, Kontemplation. Rede mit weisen Menschen, lies kluge Bücher und denke – am besten selbst.

 8. Ego-Askese
Mach dich mit deinem Bedürfnis vertraut, anerkannt und geliebt zu werden. Das ist der beste Weg, den eigenen narzisstischen Anteilen nicht ausgeliefert zu sein und andere Menschen nicht für sich zu verzwecken und gar zu missbrauchen.

 9. Kommunizieren üben
Lerne das direkte und ehrliche Gespräch mit allen. Versuche, die Aussagen anderer eher zu retten als zu verurteilen. Kommuniziere respektvoll. Es kommt nicht nur auf das Was an, sondern auch auf das Wie. Versuche nicht, es allen recht zu machen.

10. Dienende Führung
Lerne, dich selbst und Deine Macht in der Perspektive des Dienstes zu sehen und daran Freude zu finden. Bemühe dich um echte Güte, Demut und Zärtlichkeit gegenüber dem Dasein.

* Die ein oder andere These ist formuliert in Anlehnung an Stefan Kiechles Thesen in seinem Buch Macht ausüben.

 

Elegant action

In der vergangenen Woche habe ich an einem Workshop teilgenommen, in dem eine der Teilnehmerinnen wiederholt von „elegant action“ sprach. Für sie schien die Eleganz einer Handlung das wichtigste Kriterium für deren Richtigkeit zu sein. Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich verstanden habe, was sie meinte, aber der Ausdruck elegant action geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf.

Assoziationen gehen mir durch den Sinn. Etwa das berühmte Wort von Fjodor Dostojewski:

„Die Schönheit wird die Welt retten.“

Oder auch, dass die scholastische Philosophie vier sogenannte Transzendentalien kennt, also allgemeine Bestimmungen des Seins; es sind Einheit, Wahrheit, Gutheit, Schönheit. Damit wird gesagt: Wenn etwas wahr und gut ist, dann ist es auch schön. Oder: Das Schöne ist auch das Richtige und Sinnvolle. Ob etwas also richtig und gut ist, ist nicht allein eine Frage der Logik oder Ethik, sondern auch der Ästhetik.

Ich stelle mir vor, dass die Teilnehmerin des Workshops mit elegant action genau diesen Zusammenhang zum Ausdruck bringen wollte. Elegante Handlungen sind deswegen Tai Chieinleuchtend, weil sie klar, schön, schlicht – eben elegant – sind. Ihre Plausibilität drängt sich auf, weil sie einfach sind, ohne simpel zu sein. Eleganz meint hier nicht Prunk oder Reichtum, sondern eher gelungene Reduktion auf das Wesentliche und Verzicht auf Redundanz und Überflüssiges.  Elegant actions überzeugen, weil ihr Ursprung, ihre Motivation und ihr Ziel in in ihnen spürbar sind.

Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi hat einmal das Phänomen der sog. Flow-Zustände beschrieben. Das sind Zustände, in denen wir konzentriert, zielführend und fast mühelos arbeiten, in denen die Energie wie von selbst zu fließen scheint und Handlung und Bewusstsein verschmelzen. Die allermeisten Menschen kennen solche Momente, sie sind äußerst kreativ, erfüllend… und elegant.

Ich frage mich, wie unsere Arbeitswelt aussähe, wenn sie nicht vor allem nach Effizienz-, Kosten- und Nutzenkriterien, sondern auch nach Eleganzkriterien gestaltet würde. Könnte es nicht sein, dass elegantes Arbeiten und Wirtschaften letztendlich sogar effizienter ist? Am ehesten haben das bisher vielleicht die Marketing- und Brandingabteilungen der Unternehmen verstanden. Sie wissen: Was hässlich ist, lässt sich nicht verkaufen. Wie müssten wohl Arbeitsabläufe umgestaltet oder gar gänzlich neu gedacht werden, wenn etwa Organigramme, Prozessbeschreibungen, Powerpoint-Präsentationen und Business-Meetings mit einem Mal elegant, einfach, einleuchtend und klar sein müssten.

Elegant actions eines Papstes

papst-franziskusZum Schluss nun elegant actions noch einmal in einer ganz anderen Perspektive (die mich aber in meinem Blog immer wieder mal beschäftigt): Einer, dem elegante Handlungen ganz einfach und spontan von der Hand zu gehen scheinen, ist Papst Franziskus. Seine Handlungen, Ansprachen, Gesten sind deswegen elegant actions, weil sie einfach, zwingend, unmittelbar und selbsterklärend sind. Gerade angesichts der nicht selten überbordenden Last katholischer Liturgien, der Redundanz mancher Amtsträger und vertrackten Abgehobenheit ihrer Verlautbarungen vermittelt er damit etwas Befreiendes. Franziskus hat den Mut, Überflüssiges wegzulassen und so den Kern des Evangeliums freizulegen.

 

Die Zukunft von Organisationen

Auf welche Veränderungen müssen Organisationen heute reagieren? Welche Herausforderungen stellen sich ihnen? Wie können sie sich selbst weiter entwickeln und wie nicht?

Ich habe dazu einen sehr anregenden und klugen Beitrag von Philip Sheldrake gefunden. Lohnenswert!